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Die Welt hat Geburtstag – wir zünden sie an

Am 25. November 2011 wurde bei der Lauscherlounge, dem Hörspiellabel von Oliver Rohrbeck, das neue Hörspiel „übernacht“ veröffentlicht. Genau einen Monat später lag die CD für mich unter’m Weihnachtsbaum und im Hinblick auf das immer näher rückende Jahresende passt dieses Hörspiel wirklich wunderbar.

Inhalt:

Eine Silvesternacht in Berlin – Jan will sich von der lauten Stadt zurückziehen, Audrey will die Nacht ihres Lebens verbringen und Ella kehrt für eine Nacht zurück, um ihre Zukunft zu klären. Drei Schicksale von Menschen, deren Wege sich in einer Nacht berühren. Eine Geschichte von Wünschen und Hoffnungen, von Abschied und Neubeginn und von den besonderen Momenten im ganz normalen Leben.

Zusätzlich zu diesem „Klappentext“ hat die Lauscherlounge noch zwei Teaser-Videos produziert.


Sprecherliste:

  • Audrey: Julia Hummer
  • Jan: Tom Schilling
  • Ella: Vera Teltz
  • Nele: Fritzi Haberlandt
  • Serdar: Ismael Deniz
  • Kurt: Asad Schwarz-Msesilamba
  • Melanie: Svantje Wascher
  • Martin: Sascha Rotermund
  • Ansagen: Christine Kewitz
  • Ziya: Mehmet Yilmaz
  • In weiteren Rollen: Tommi Schneefuß, Dennis Schmidkunz, Elias Koraus, Stephanie Dreckmann, Leyla Rohrbeck

Über die Mitwirkenden:

Die Autorin und Regisseurin Johanna Steiner machte bereits 2009 durch das Hörspiel Buchstabier mir LKW auf sich aufmerksam, welches man auf der Homepage http://www.buchstabiermirlkw.de/ kostenlos herunterladen kann. Sie wurde 1983 in Worms geboren und lebt heute in Berlin. Johnanna Steiner arbeitet neben ihrem geisteswissenschaftlichen Studium als Hörbuchregisseurin und redaktionelle Kraft bei der Lauscherlounge und dem angegliederten Hörspielstudio Xberg.

Hier könnt ihr ein Produktionstagebuch lesen, das sie anlässlich des neuen Hörspiels auf der Homepage der Lauscherlounge veröffentlicht hat.

Außerdem hat der großartige Olli Schulz ein Lied für das Hörspiel geschrieben – die Welt hat Geburtstag.

Meine Meinung:

übernacht erzählt dem Hörer Geschichten aus dem Leben dreier Menschen, die sehr unterschiedlich sind und sich doch in einer Silvesternacht in Berlin über den Weg laufen. Diese Begegnungen verlaufen eher zufällig, teilweise noch nicht einmal bewusst und haben für den weiteren Verlauf keine größere Bedeutung – das ist ein Aspekt, der mir gut gefällt. Die Idee dahinter ist ja irgendwie, dass da draußen unglaublich viele Menschen leben, denen wir jeden Tag begegnen, die wir treffen, mit denen wir uns unterhalten – und jeder Einzelne hat eine eigene Geschichte. Nicht nur die Hauptstadt Berlin ist wie ein großer Sud aus verschiedensten Biographien.

Da ist einmal Jan, der im letzten Jahr mit seiner Band voll durchgestartet ist und quasi übernacht zum Star geworden ist. Paparazzi, Groupies, Terminstress und öffentlicher Druck gibt es gratis und ungefragt zum Ruhm mit dazu, wobei der Umgang mit diesen Dingen ihm merklich schwer fällt. Dann ruft ihn seine alte Schulfreundin Nele an und zwischen nostalgischen Geplauder über alte Zeiten und ihren ziemlich gegensätzlichen Lebensentwürfen findet Jan doch noch die Möglichkeit, das alte Jahr versöhnlich und ganz bei sich selbst zu verabschieden.

Audrey kommt eigentlich aus Rheda-Wiedenbrück und will in Berlin auf eine Mega-Party gehen. Diese wird exklusiv für die Mitglieder einer Karaoke-Website mit den meisten Views auf einem Schiff ausgerichtet wird. Durch ein Missgeschick bleibt sie dann aber in dem Kiosk von Serdar hängen und verbringt die letzte Nacht des Jahres doch ganz anders als geplant. Zusammen mit dem charmanten Muslim kommt das kesse Mädchen mit dem vorlauten Mundwerk dann sogar ins Philosophieren.

Eilla dagegen ist gerade aus den USA zurückgekehrt, um Silvester zuhause zu verbringen. Im Gepäck hat sie nicht nur eine kleine Tatsache, die ihr ganzes Leben auf den Kopf stellen wird, sondern auch viele Fragen, die sie an ihre eigene Zukunft und vor allem an ihren Freund Martin stellen möchte. Ella ist mit der ganzen Situation etwas überfordert und es ist mehr als ungewiss, ob es wirklich gut ausgehen wird für sie…

Für alle Drei ist Silvester irgendwie ein Dreh- und Angelpunkt. übernacht zeigt dem Hörer Momentaufnahmen von einer Nacht, in der das Aufeinandertreffen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft den Protagonisten besonders allgegenwärtig ist.

Wie schon Buchstabier mir LKW ist das neue Hörspiel von Johanna Steiner eher leise und zaghaft. Wer große Action, Effekte oder viel Handlung erwartet, ist hier verkehrt. Aber anders als herkömmliche Pyrotechnik hallt das Feuerwerk aus stillen Fragen an die menschliche Existenz noch etwas länger nach. übernacht stimmt den Hörer nachdenklich. Dabei geht es allerdings nicht um die Analyse oder Interpretation der Geschehnisse – es steht eher das Wahrnehmen, Fühlen, (Nach-)Empfinden und (Mit-)Leiden im Vordergrund. Man wird akustischer Zeuge von Gefühlen und Situationen, die für die Protagonisten wahrscheinlich in verschiedenem Ausmaße noch Auswirkung im neuen Jahr haben werden. Das Hauptaugenmerk der Gesamtkomposition liegt auf den Dialogen, welche die ganze Produktion tragen. Es ist zwar durchaus eine Geräusch- und Musikkulisse vorhanden, sie wird jedoch eher dezent eingesetzt. Genau diese tragende Funktion erfüllen die Sprecher_innen meiner Meinung nach sehr authentisch. Mir persönlich ist keine Figur als stimmlich völlig daneben aufgefallen, sodass ich die Besetzung als passend empfunden habe. Besonders das Zusammenspiel von Tom Schilling als Jan und Fritzi Haberlandt als Nele gefällt mir gut!

Sowohl der Einstieg als auch das Ende sind sehr unvermittelt – das Hörspiel versucht gar nicht erst, mehr als nur einen kurzen Atemzug aus dem Leben der Figuren darzustellen. Auch so etwas wie einen roten Faden gibt aufgrund des kontinuierlichen Personen- und Ortswechsel nicht wirklich, zudem wurde auf einen Erzähler komplett verzichtet. Dafür wird vor jedem Szenenwechsel die jeweilige Uhrzeit angesagt, sodass man als Hörer  zumindest eine zeitliche Orientierung hat. Darüber hinaus wird so der Eindruck verstärkt, dass man live und unmittelbar mit dabei sei. Die Geschichte an sich strebt nicht direkt auf einen Höhepunkt um Mitternacht und den Jahreswechsel zu, wie es Silvesternächte eigentlich so an sich haben – schließlich geht das Leben auch nach 0 Uhr im neuen Jahr irgendwie weiter.

Insgesamt ist bei übernacht also ein eher ungewöhnliches, aber gerade deswegen total interessantes Hörspiel herausgekommen.

So unergründlich wie das Blei in meiner Hand steht die Zukunft vor der Tür…

*****

Und in diesem Sinne wünsche ich euch allen einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr!

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