Schlagwörter

, , , , , ,

Oder: Die Suche nach dem großen Vielleicht

Eine wie Alaska - Cover des Hörbuchs

Eine wie Alaska (im Original Looking for Alaska) ist der Debütroman des US-amerikanischen Schriftstellers John Green und wurde im Jahr 2005 veröffentlicht. Das Hörbuch erschien 2008 als ungekürzte Lesung bei Silberfisch.

Inhalt:

(leicht abgeändert übernommen von Hörbuch Hamburg)

Sie ist schön, er durchschnittlich. Sie ist verletzlich, er hat ein dickes Fell. Sie ist euphorisch, voller verrückter Ideen, er neu an der Schule und natürlich verliebt in sie: Alaska. Wo führt das hin? Sie die Sonne des Internats, Miles einer der Planeten, die um Alaska kreisen. Alaska mag Lyrik, nächtliche Diskussionen über philosophische Absurditäten, heimliche Glimmstängel im Wald und die echte wahre Liebe. Miles ist fasziniert – und mächtig überfordert. Wie kann er einem solchen Wesen begegnen, ohne sich in ihm zu verlieren? Und überhaupt: Wer ist Alaska? Sie gibt so wenig von sich preis. In ihr trifft Abenteuerlust auf Selbstzerstörung und in langen, trunkenen Nächten offenbart sich nach und nach die Tiefe ihres Unglücks…

Diese Inhaltsangabe lässt zunächst den typischen Internatsroman vermuten, in dem es vornehmlich um die typischen Probleme westlicher Teenager an einer typischen Highschool geht – da wären dramatische Liebschaften, Rivalitäten zwischen verschiedenen Cliquen, Rebellion gegen Autoritäten, die sich vor allem in Streichen und exzessiven Alkohol- und Zigarettenkonsum äußert und, nicht nur unterschwellig schwelend, Sexualität.

Erzählt wird aus der Perspektive von Miles Halters, der von seinen Freunden nur Pummel genannt wird, obwohl er eine Bohnenstange ist – das nennt man laut dem Colonel „Ironie“. Miles hat ein eigenartiges Hobby: er „sammelt“ die letzten Worte von berühmten Persönlichkeiten. Zu Beginn des Romanes hat er gerade seine alte Schule in Florida verlassen und plant in Culver Creek in Alabama noch mal neu anzufangen. Dort freundet er sich neben dem Colonel, der eigentlich Chip Martin heißt und sein Zimmergenosse ist, auch mit dem Japaner Takumi und der slawischen Lara an. Und natürlich lernt er die Namensgeberin des Buches, Alaska Young, kennen und ist vom ersten Augenblick an schwer beeindruckt von ihr.

272 – soviele Tage umfasst die Handlungsspanne der Erzählung. Eingeteilt in Vorher und Nachher werden stichprobenartig verschiedene Szenen dargestellt, zwischen den einzelnen Abschnitten liegen teilweise nur wenige Stunden und an anderen Stellen mehrere Wochen. Diese chronologische Erzählweise richtet sich an dem zentralen Ereignis des Romans – 136 Tage vor bzw. nach dem Tag Null.

Über den Autor:

John Green wurde 1977 in Indianapolis, Indiana geboren und wuchs in Orlando, Florida auf, bevor er das Internat Indian Springs School in Birmingham, Alabama besuchte. Später studierte er am Kenyan College (Englisch und Vergleichende Religionswissenschaften). Seine Zeit im Internat inspirierte ihn dann zu seinem erstem Roman Looking for Alaska, welcher mit dem Michael L. Printz Award ausgezeichnet wurde. In der deutschen Übersetzung war Eine wie Alaska 2008 sogar zweimal für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert.

Seit 2007 ist er außerdem als Videoblogger auf Youtube bekannt, u.a. mit dem Projekt Vlogbrothers, das er gemeinsam mit seinem Bruder Hank betreibt. Mit über 75 Millionen Views gehören ihre Videos mit zu den erfolgreichsten der Videoplattform. Außerdem brachte ihr Videoblog eine sehr aktive Fangemeinde hervor, die sich „Nerdfighters“ nennt. Nach eigenen Angaben kämpfen sie für den Intellektualismus und die Reduzierung dessen, was sie (so schön unübersetzbar) als „world suck“ bezeichnen. (was UrbanDictionary dazu sagt…)

Weitere Werke sind  An Abundance of Katherines (dt. Die erste Liebe [nach 19 vergeblichen Versuchen], 2006) und  Paper Towns (dt. Margos Spuren, 2008).

Über den Sprecher:

Andreas Fröhlich gehört sicherlich zu den bekanntesten Stimmen Deutschlands. Er wurde 1965 in Berlin geboren und bereits im Alter von sieben Jahren im Kinderchor des SFB entdeckt. Er bezeichnet sich selbst als „Hörspieler“ und ist mittlerweile Interpret unzähliger Hörbücher und Hörspiele. 2010 erhielt er nach drei Nominierungen den Deutschen Hörbuchpreis als bester Interpret für den Titel Doppler, der in seiner eigenen Hörbuchreihe Edition Handverlesen bei dem Verlag Lauscherlounge erscheint.

Am bekanntesten ist er sicherlich für die Rolle des Bob Andrews in der Hörspielserie „Die drei ???“. Außerdem kennt man ihn als die Feststimme von John Crusack, Edward Norton und Ethan Hawke. Auch als Dialogbuchautor und Dialogregisseur betätigt er sich. So war Fröhlich u.a. für die deutsche Synchronfassung der Herr der Ringe-Trilogie verantwortlich und sprach auch die Rolle des Gollum ein.

Meine Meinung:

!Achtung, Spoiler!

Wie finde ich den Weg aus dem Labyrinth des Leidens? Ist es eher ein Labyrinth des Lebens oder des Todes? Dies sind Fragestellungen, mit denen sich die Protagonisten in Eine wie Alaska beschäftigen. Die Gespräche und Handlungen der Figuren sind dabei geprägt von dem Gegensatz, mit dem sich viele Heranwachsende konfrontiert sehen: auf der einen Seite steht das Gefühl der Unbesiegbarkeit, das man als junger Mensch empfindet – die Welt steht einem offen, das ganze Leben liegt noch vor einem und gleichzeitig ist der Moment sehr wichtig, man lebt hauptsächlich in der Gegenwart, Freud und Leid werden sehr intensiv empfunden. Auf der anderen Seite wird einem aber auch oft die eigene Vergänglichkeit schmerzhaft bewusst. Die Abnabelung von den Eltern und ihrer Fürsorge ist ein wichtiger Entwicklungsprozess, aber sie geht auch mit der Erkenntnis einher, dass eines Tages die eigenen Eltern ebenso sterben werden, wie es eigentlich nur ältere Menschen, Großeltern und Großtanten tun. Dass man selbst auch irgendwann auf jeden Fall sterben muss und wird. Die in diesem Zusammenhang häufiger zitierten letzten Worte des 25. Präsidenten der USA, William McKinsley fassen dies ganz gut zusammen: „We are all going.“ – Wir gehen alle.

John Green schafft es hier bemerkenswerterweise auf die religiöse Keule zu verzichten und lässt Miles einen ganz eigenen Zugang zu diesem Thema finden. Die Frage, wie man mit der Vergegenwärtigung des eigenen Todes umgeht, ist in meinen Augen eine, um die wirklich niemand in seinem Leben herumkommt und die auch großen Einfluss darauf hat, wie ich die mir verbleibende Zeit verbringen möchte. Miles schafft es in Eine wie Alaska eine ganz persönliche Antwort zu finden. Trotz des Formates des Jugendromans ist das vorliegende Buch auch für Leser_innen, die ihre Teenager-Zeit bereits erfolgreich hinter sich gebracht haben, interessant und mitreissend. Der obligatorische jugendliche Pathos wird dabei immer wieder durch skurril-humoristische Szenen und Dialoge aufgelöst. Green bedient sich dabei einer Sprache, die in ihrer meist schnörkellosen Direktheit zwar eindeutig von Jugendlichen für Jugendliche gesprochen wird, der es dabei aber trotzdem nicht an Ästhetik und Tiefgang mangelt. 

Am interessantesten ist sicherlich die Figur der Alaska – auch wenn man sie nie richtig durchschaut. Sie bleibt für den Großteil der Erzählung eine sehr unnahbare und widersprüchliche Figur. Einerseits konsumiert sie exzessiv Zigaretten und Alkohol, wirkt nach Außen sehr tough und selbstbewusst. Immer wieder verstrickt sie ihre Freunde in trunkene philosophische Gespräche und intellektuelle Diskussionen. Ihr offener Umgang mit Sexualität bringt Miles das ein oder andere Mal sehr in Verlegenheit. Auf der anderen Seite kann er genauso wie der Leser zwischendurch immer mal wieder in ihre persönlichen Abgründe schauen. An diesen Stellen nimmt man sie als ein sehr sensibles, verletztes und tieftrauriges Mädchen wahr, das seine Mutter unter tragischen Umständen verloren hat und sich nun in eine eskapistische Welt flüchtet. Ich finde, ein bestimmter Ausspruch von Miles über Alaska trifft es da sehr gut: „Wenn Menschen Niederschlag wären, wäre ich Nieselregen und sie ein Hurrikan.“

Was mir besonders gut gefallen hat, ist die Art, wie Green das Ende gestaltet. Das Ende gibt dem Leser nämlich gerade nicht das, was man sich vielleicht im Laufe des Buches wünscht oder erhofft. Die große Frage nach dem Schicksal von Alaska und ob es nun Selbstmord oder ein Unfall war, bleibt offen. Das halte ich persönlich für einen sehr gelungenen Abschluss eines solches Buches – unbeantwortete Fragen, die es zwar absolut verdienen würden, beantwortet zu werden, auf die sich aber einfach keine richtige Antwort finden lässt, gehören zum Leben dazu und machen oft sogar einen nicht unerheblichen Teil des persönlichen Leides aus. Das ist auch so eine Erkenntnis, die irgendwie zum Erwachsenwerden gehört. Und jeder – in diesem Falle Miles – muss für sich herausfinden, ob es trotzdem noch so etwas wie einen Sinn im Leben geben kann oder ob man im Angesichts dieses Wissens einer fatalistischen Hoffnungslosigkeit anheim fallen muss. In Eine wie Alaska heißt das große Stichwort: Vergebung. Den Weg aus dem Labyrinth des Leidens können wir nur finden, indem wir vergeben.

Sicherlich kein neuer Gedanke, und ob man es nun Vergebung oder anders nennt – die Quintessenz ist, dass man irgendwie versucht, das, was einen quält, was einen festhält, loszulassen und ziehen zu lassen. Ich für mich persönlich kann dieser Idee auf jeden Fall zustimmen. Womit wir aber eindeutig in ganz andere (philosophische) Sphären abgleiten würden… Wie man sieht, John Greens Eine Wie Alaska mag vom Genre her vielleicht ein Jugendbuch sein, jedoch stecken da ganz viele essentielle Fragen drin, die der Autor meiner Meinung nach sehr gut nicht für junge Menschen in diese Geschichte um Miles, Alaska, den Colonel, Takumi und Lara eingeflochten hat.

Nun speziell zum Hörbuch: ich mag die Stimme von Andreas Fröhlich sehr gerne. Und auch in Eine wie Alaska erfüllt er sämtliche Erwartungen – er hat es nun mal einfach drauf. Jede Figur hat eine ganz eigene Stimme, sodass man in den Dialogen gut nachvollziehen kann, wer jetzt gerade spricht. Dabei wirken die unterschiedlichen Sprechweisen keinesfalls überzogen, gekünstelt oder albern. Eine kleine Ausnahme bildet hier Lara – die hat mich mit ihrem seltsamen Akzent schon ein wenig genervt, aber das liegt wahrscheinlich auch daran, dass ich die ganze Figur nicht so mag. Trotz der doch ziemlich großen Differenz zwischen seinem wirklichen Alter und dem Alter der Figuren gibt er meiner Meinung nach insbesondere der Hauptfigur Miles sehr authentische, junge Stimme. Die witzigen Szenen spricht er wunderbar in seiner ganz eigenen Andreas-Fröhlich-Art: sehr ironisch, trocken-lakonisch und stets mit einem Augenzwinkern. Und nach dem Tag 0 kann man die Verzweiflung, die tiefe Trauer der Protagonisten direkt aus seiner Stimme heraushören. An manchen Stellen ist mir wirklich ein Schauer über den Rücken gelaufen – die Kombination aus diesem Text und der vorlesenden Stimme, die sich stellenweise so zerbrechlich und tränenerstickt, sogar leicht verschnupft anhört, geht wirklich unter die Haut. Miles‘ Schmerz wird greifbar. Andreas Fröhlichs Stimme ist jederzeit sehr präsent, sodass die komplette Lesung sehr gut von dem Sprecher getragen wird und völlig ohne Hintergrundgeräusche oder Musik auskommt. Insgesamt eine sehr souveräne Sprecherleistung. Andreas Fröhlich liest vor, als wäre die Geschichte nur für ihn (bzw. seine Stimme) geschrieben worden. Auf jeden Fall hörenswert!

Und nun mache ich mich auf die Suche nach dem großen Vielleicht.

François Rabelais, Letzte Worte

Advertisements